Musste hier mal raus und habe ein paar Tage in und um Verdun verbracht: Dienstag hingefahren, dabei viele meiner alten Motorradstrecken im Pfälzer Wald wieder genutzt. Von Osthofen aus sind es 285km, alles kleine bis kleinste Landstraßen. Mit Pausen und immer mal wieder gucken und knipsen war ich so 6 Stunden unterwegs.

Wetter war gut zum fahren, hat wirklich Spass gemacht. In Verdun auf den Campingplatz und mein HQ aufgebaut: 
Hatte kein Topcase dabei, nur eine Gepäckrolle und einen Tankrucksack. Und den Kofferraum voll... Im Tankrucksack war u.a. die Fototasche, im Kartenfach das Tablet mit Google Maps. Hat sich sehr gut bewährt, nur einmal Links und Rechts verwechselt. Bei den Besichtigungen habe ich mir Foto, die passenden Objektive und eine Thermoskanne mit feinstem Ostfriesentee in einen Rucksack geworfen, alles andere im Kofferaum eingeschlossen und Helm und Jacke offen am Roller gelassen. Hatte wohl keiner Interesse an meinem alten Enruroröckchen und den Helm wollte auch keiner klauen.
Am ersten Tag ging es zu den verschwundenen Dörfern (village detruit), zur Anhöhe 304 und zum Mort Homme.
 Entgegen der Aufschrift auf dem Denkmal: Die Hexe kam durch...
Auf der Anhöhe Toter Mann war ich überall alleine, kein anderer Touri da. Es gibts dort einen sehr schön angelegten Waldweg der durch die Verteigungsstellungen führt: Heute steht dort dichter Wald, aber egal wo man hinschaut es reiht sich Granattrichter an Granattrichter. Wie bei einem Golfball, nur nicht so regelmäßig. Dazwischen gut zu erkennen die Schützengräben mit ihrem winkeligem Verlauf. Immer wieder die Reste von Stacheldraht, ab und an ein noch sichtbarer Unterstand.
 1916 starben auf diesem relativ kleinen Hügel über 10.000 deutsche und französische Soldaten, unzählige wurden nie geborgen...
In Chattancourt gibt es ein kleines privates Museum, dort ist an historischer Stelle ein Schützengraben wieder hergestellt worden, so wie er um 1916 ausgesehen hat. Da bekommt man einen guten (besser bedrückenden!) Eindruck vom Leben an der Front.


 Am nächsten Tag ging es rauf zu den östlichen Anhöhen rund um das Fort Douaumont. Als erstes war die verzweigte Anlage des Fort de Souville dran. Auch hier wieder Trichter an Trichter, Stacheldraht sowie die 155mm Kanonen und MG Nester gut zusehen. Wie so oft in Frankreich ist KEIN Eingang verschlossen, man kann überall hinein - wenn man mutig genug ist. Lediglich Schilder mit "Zutritt verboten" gibt es. Ist also auf eigene Gefahr und dementsprechend zurückhaltend war ich. Im Bussière-Turm ist noch die Hebeanlage zu sehen mit der die 183 Tonnen schwere Kanone angehoben und versenkt wurde. Sehr beeindruckend - bei uns hätten Metalldiebe den ganzen Kram schon längst geklaut. Auf dem Gelände des Forts habe ich über drei Stunden verbracht und keinen anderen Menschen getroffen. Die Stille im Wald, nur von Vogelgezwischter durchbrochen, dazu die unübersehbaren Spuren des Grauens und der Vernichtung - das alles hat mich sehr nachdenklich gemacht und meine Stimmung ziemlich gedrückt. Dann weiter zum Tranchée Des Baillonnettes wo der Legende nach eine ganze Gruppe Soldaten im Graben stehend und bei lebendigem Leibe verschüttet wurden. Man hatte ihre Leichen nur anhand der noch herausschauenden Bajonettspitzen gefunden...
Danach ins Ossuaire de Douaumont. Dieses Denkmal hat bestimmt jeder schonmal gesehen.
 Im Gewölbe rechts und links des markanten Turms, sind die Fenster mit rotem Glas bestückt die das Innere in blutrotes Licht tauchen. Auf jedem Stein ist der Name eines Soldaten, seine Einheit und das Sterbedatum eingraviert. Auf JEDEM Stein, Wände und Decken sind voll davon. Name neben Name. In den Nischen stehen marmorne Sarkophage. Die Stimmug ist wie in einer Gruft, trotz der vielen Besucher ist nur ein leises Gemurmel zu hören. Fotografieren ist hier nicht erlaubt, auch nicht ohne Blitz. Darüber habe ich mich zuerst ziemlich geärgert, es nach einer Weile aber verstanden. Ist besser so, ich glaube auch das beste Bild kann die eigenartige Wirkung dieses Ortes nicht wirklich wiedergeben.
Von außen kann man durch Glasscheiben in die Kellergewölbe schauen, dort liegen die Knochen von 130.000 Soldaten, Deutsche wie Franzosen. Alles Tote die nicht mehr zu identifizieren waren. Bis zur Decke hoch, alles voller bleicher Gebeine. Jeder verdammte Präsident, jeder Verteidigungsminister sollte einmal hierhergekarrt werden, gleich zum Amtsantritt und jedesmal wieder wenn er/sie agressive Drohungen ausspricht.
Nach der Besichtigung des Ossuarium war ich mental so fertig, dass ich meine weitere Besichtigungstour abgebrochen habe. Ich hatte auf einmal genug von Granattrichtern, Gräben und Toten. Selbst das Museum habe ich links (eigentlich eher rechts) liegen gelassen und bin zurück nach Verdun getuckert. Die Forts Douaumont, Vaux und Tavanne sowie die vielen Zwischenwerke stehen auch nächstes mal noch dort. Den Abend habe ich mit hervorragendem (sic!) französichem Bier ausklingen lassen, am nächsten Tag dann alles zusammengepackt und auf in Richung Heimat. Auf meinem Weg lag noch das Camp Marguerre: Hier, 10km von der Front entfernt, lag ursprünglich ein Erprobungsplatz für die Herstellung von Unterständen aus Beton. Ab 1916 dann war es ein Feldlazarett und Erholungsort für die Frontsoldaten. Der Platz ist extrem merkwürdig, mitten im Wald stehen Häuser, gegossen aus Beton. Bunker und Hangare, sogar ein komplettes Betonwerk gab es hier. Dazu die notwendigen Feldbahnen. Ist eine riesige Anlage und auf den ersten Blick sehr gut erhalten, 
man könnte meinen es sei ein Spielplatz, extra für die Paintball Fans. Auch hier wieder, ganz alleine, kein Mensch war zu sehen, in den Baracken immerhin ein paar Fledermäuse. Habe mir dort mein Mittagessen gekocht und bin dann weiter gefahren.

Der Weg aus dem Wald ist mit festem Rollsplitt belegt, das durch die Bäume fallende Licht erzeugte ein unruhiges Muster auf der schmalen Straße. An einer Y-Kreuzung wollte ich kurz anhalten um zu schauen wo ich lang muss und da ist es dann passiert - urplötzlich liege ich im Dreck und die Hexe auf der Seite. Mein rechter Fuß war unter dem Roller eingeklemmt, beim rauswurschteln habe ich mir glatt den Schuh ausgezogen. Motor über Killschalter ausgemacht und die Kiste mit allem Adrenalin und trotz Gepäck sofort wieder auf die Beine (äh Räder) gestellt. Dann erst mal geschaut was eigentlich passiert ist. Der Boden ist mit Splitt belegt, aber NICHT fest sondern eine zwei, drei cm tiefe Kuhle, vielleicht einen Meter lang, gefüllt mit losem, feinkörnigen Rollsplitt. Darauf habe ich gebremst, das Vorderrad blockierte und ab. Der Witz - diese Stelle ist optisch nicht zu erkennen, sieht genauso aus wie der Rest des Weges, bietet aber die Haftung von Glatteis. Die Schadensmeldung: Knöchel verdreht, tut saumäßig weh, ist aber zum humpeln belastbar. Nach über 150tkm auf zwei Rädern das erste mal das ich mich verletzt habe! Ellenbogen und Oberarm wurden von den Protektoren meiner Jacke geschützt, da ist nix. Auch meine Jeans hat den Bodenkontakt ohne Beschädigungen überstanden. Bei der Hexe ist das obere Teil des Windabweisers abgerissen, und ein paar neue Kratzer hat sie jetzt auch. Muss ich die Tage mal die Verkleidung ausseinandernehmen und schauen ob dort die Befestigungspunkte gebrochen sind. Von außen ist nichts zu sehen. Also habe ich die Trümmer eingeladen und bin gleich weitergebrummt. 150km standen zu der Zeit auf dem Tacho, und ich dachte mir "Die nächste Tankstelle ist deine" Tja, und dann kam nix. Nur französische Pampa, kleinste Dörfer (drei Häuser und Hund), und Straße um Straße. Das Navi sagt dazu "Den Kreisverkehr in 21km an der zweiten Ausfahrt verlassen". Bei 177km ging die Tanklampe das erste mal an, bei 185 blieb sie es dann. Und immer noch nichts, sozusagen französisch Sibirien. Ich näherte mich langsam aber sicher Luxemburg, in Esch-sur-Alzette habe ich bei 223km dann eine Tanke gefunden - und was für eine: 20 Zapfsäulen - alle voll. Die Autos haben sich bis auf die Straße gestaut. Der Sprit ist hier 20ct. billiger als bei uns, deshalb gabs vor der Grenze ( danach auf deutscher Seite übrigens auch) keinerlei Tankstellen mehr. Drinnen eine riesige Menge an Zigaretten in allen Packungsgrößen und Formen, scheint auch billiger zu sein. Leider keinen Pfeifentabak, aber den kaufe ich auch nicht an einer Tanke. Für 9,52€ vollgetankt, es waren also noch etwas über zwei Liter im Tank. Also kein Grund zur Panik gewesen. In Frankreich und in Luxemburg habe ich übrigens keinen e5 Sprit mehr bekommen, so hat sich die Hexe mit e10 Plörre zufrieden gegeben. Raus aus Esch, ein paar KM durch LX und dann wieder nach Deutschland, halt, zuerst musste ich ja noch durchs Saarland... ;-) Auf den kleinen Landstraßen und in den Dörfern kann das ziemlich deprimierend sein. Stark verwitterte Häuser, z.T. regelrechte Bruchbuden. Viele, viele "Zu Verkaufen" Schilder. In den meisten Dörfchen gibts nichts mehr, keine Gastsstätte, keinen Bäcker - alles schon lange dicht gemacht. Ich bin 1995 mal mit dem Motorrad nach Berlin gefahren, auch über Landstraßen und da sah es unterwegs zum Teil sehr ähnlich aus. Bevor micht jetzt die Leser aus dem Osten gemeinsam mit denen aus dem Südwesten steinigen: Das war nicht böse gemeint, es ist einfach erschreckend! Mein Heimweg führte mich durch Baumholder. Das ist ein Truppenübungsplatz und eine 13km lange Landstraße führt durch das Speergebiet. Die Straße ist sehr grob geflickt, über die Placken fährt man am besten mit nem Panzer. Aber es reiht sich Kurve an Kurve, dazu noch das ständige Umfahren der Flickstellen - das macht riesigen Spaß. Dazu kommt, dass es kaum Verkehr gibt, auf der ganzen Strecke ist mir ein Auto entgegen gekommen. Bin die Route schon früher mit dem Motorrad gefahren, das ging auch nicht sehr viel schneller. Am Ende des Tals kommt man auf jeden Fall mit einem dicken Grinsen im Gesicht wieder raus, die Reifen haben jetzt über die gesamte Breite eine gleichmäßige Färbung.   
Durch die Pfalz, am Donnersberg vorbei und runter ins Rheintal, um halb neun war ich dann wieder zuhause. Beim Absteigen ein dickes Autsch vom rechten Knöchel, den Schuh habe ich nicht mehr alleine ausbekommen. Knöchel ist geschwollen als wenn ein Tennisball unter Haut wäre. 
Heute ist die Schwellung zurückgegangen, aber Laufen tut immer noch weh und ich kann den Fuß nicht seitlich bewegen. Montag muss ich damit zum Arzt, meine Tochter meinte schon mit Kennerblick - "Außenband gerissen". Urghs - sowas passiert doch nur Sportlern, dazu zähle ich bestimmt nicht. Ist echt ärgerlich, vor allem weil ich mit Turnschuhen gefahren bin und zuhause im Schrank die Motorradstiefel stehen, damit wäre der Fuß wohl heile geblieben.
Insgesamt auf jeden Fall eine tolle Tour, der Pfälzer Wald ist immer eine Reise wert. Die französischen Landsträßchen sind SEHR entspannend, nur der Asphalt ist oft extrem rau - ich brauche jetzt dringend einen neuen Vorderreifen. Auf 750km habe ich im Schnitt 3,74 Liter Sprit gebraucht, Defekte gab es keine (vom Sturzschaden abgesehen). Da kann man wirklich nicht meckern. Piaggio hat uns da einen tollen Reiseroller hingestellt, SEHR schade das er nicht mehr angeboten wird. Mit dem großen Vespa Motor, 23PS (und ABS) aber äußerlich unverändert würde ich das Ding sofort kaufen! Zum Motor: Ich habe hier ja nur den 125er mit 15PS. In der Ebene läuft er 110, mit Rückenwind auch mal 120. Das reicht völlig aus, auch die Beschleunigung ist ok. Aber sobald eine Steigung kommt und vorher keine Möglichkeit zum Schwung holen besteht, hängt man mit 60kmh am Berg und hinten dran eine Schlange Autos. Oben angekommen, gerade dann wenn die Autos überholen könnten geht die Geschwindigkeit wieder hoch und Bergab bin ich dann in den Kurven soweiso viel schneller als die meisten Autos. Die Fahrer werden sich gedacht haben "der macht das extra". Nur da wünsche ich mir mehr PS, ansonsten ist der Motor wirklich flott genug und ziemlich sparsam. Geschlichen bin ich nämlich wirklich nicht, obwohl ja in Frankreich 80 auf der Landstraße gelten. Nur da hält sich keiner dran....
So, ist wieder mal viel zu lange geworden. Wer bis hierhin durchgehalten hat dem gebührt ein Dankeschön fürs Lesen, alle anderen - die können... (ihr wisst schon ;-)
Viele Grüße aus dem schönen Rheinhessen
MiBo |